Letterhead
Hilfe, mein Kind weint!

Scheinbare Hilflosigkeit in Situationen des Abschieds

Es ist September 1981! Wie jeden Morgen stehe ich seit drei Wochen vor einem riesigen Problem. Gerade brachte ich meinen dreieinhalbjährigen Sohn Tino zu seiner Kindergartentante. Seit drei Wochen weint er, wenn ich mich von ihm verabschieden will. Ich kann das gar nicht aushalten, wenn er weint! Ich glaube dann, ich bin eine schlechte Mutter und ich darf ihn nicht alleine lassen. Ich bin ratlos. Renate, seine Kindergartentante, sagt zwar, dass sich Tino schnell beruhigt und spielt, wenn ich gegangen bin, doch ich kann nicht glauben, daß meine Entscheidung, ihn weinend dort zu lassen, gut sein kann. Ich bin ratlos, wenn ich versuche, eine gute Lösung zu finden. Statt dass sich eine Lösung zeigt, breitet sich Hilflosigkeit in mir aus. Mir wird ganz mulmig und flau im Magen und ich kriege ein Gefühl der Ohnmacht.

Genau da beginne ich meine üblichen Reaktionen. Ich versuche, meinem Kind zu erklären, wie schön es im Kindergarten ist, was er alles spielen kann und daß es vor allen Dingen gar nicht weinen braucht. Tino weint weiter, seine Tränen laufen ihm über die Wangen und ich bin irritiert und verzweifelt zugleich. Meine Strategie, ihn zu überzeugen, daß es ihm im Kindergarten gefallen wird, fruchten nicht! Nach einigen Minuten (eine gefühlte Stunde) legt mir Renate, die Kindergärtnerin nahe, zu gehen. Ich folge ihrer Empfehlung, winke meinem Sohn noch einmal zu, drehe mich um und gehe. Er weint noch mehr und ich fühle mich innerlich zerrissen. Was soll ich tun? Ich habe die Idee, ihn nicht mehr in den Kindergarten zu schicken, ihn abzumelden und noch ein Jahr zu warten. Er ist noch nicht reif genug, sage ich mir. Nach einigen Tagen, noch bevor ich eine Entscheidung getroffen habe, löst sich das Problem von selbst. Er geht gleich zu den Kindern und spielt. Mit  21 Jahren noch unerfahren in solchen Situationen, war ich einfach nur froh, daß wir diese Hürde geschafft haben. 

Jahrzehnte sind mittlerweile vergangen und ich lernte im Laufe der Zeit im Umgang mit Kindern pädagogisch und praktisch viele Ursachen und den Umgang übers Abschiednehmen kennen. Ich habe auch in den vielen Jahren meiner Selbsterforschung Zugang zu meiner damaligen Hilflosigkeit bekommen und einen interessanten Zusammenhang herausgefunden. Als ich 1 1/2 Jahre alt war, bekam meine Mutter nach der Geburt meiner Schwester im Krankenhaus eine Venenentzündung. Sie blieb damals über drei Wochen weg. Ich wurde mit meinen zwei größeren Brüdern zur Großtante gebracht. Als meine Mutter damals mit meiner Schwester Lilli nach Hause kam und mich in die Arme nehmen wollte, wendete ich mich ab.

Ich bin mir ziemlich sicher, daß mein Sohn beim Abschied in den Kindergarten mit meiner Hilflosigkeit verbunden war und dadurch die Abschiedssituation schwerer nahm als wenn er nur seinen eigenen Abschied hätte verarbeiten brauchen. Schwierige Situationen in unserem Leben weisen uns auf ein Problem hin, das es zu entdecken und zu lösen gilt.

In den Situationen des Abschieds im Tagesmuttergeschehen kann ich gut nachvollziehen, wie schwer es für Eltern ist, angemessen Abschied zu nehmen. 

Besonders fällt mir dazu grad eine eindrucksvolle Situation meines Tageskindes Maria ein: Die Kleine kommt am Morgen freudestrahlend mit ihrer Mama zu mir. Scheinbar zum Spielen bereit, wendet sie sich plötzlich wieder der Mama zu, klammert sich an sie und weint. Mit einer Engelsgeduld redet die Mama mit ihr, liebkost sie, nimmt sie hoch und hält sie. Nach einigen Minuten sagt sie: „Maria, jetzt gehst Du zur Gabriele, sie wartet schon auf Dich!” Maria, ungeachtet des Versuches ihrer Mama, sie reinzuschicken, klammert sich heftig an die Mama und sagt: „Nein, bleib da!” Und weint. Das kleine, tägliche Drama beginnt. Dabei zeigt sich Maria schier unermüdlich und ideenreich. Die Mama schaut irritiert auf mich, so als könnte ich ihr helfen, dass sie gehen kann. Manchmal gelingt dies auch ganz gut, wenn ich z.B. ein Spielzeug anbiete oder ein verlockendes Handpuppenspiel inszeniere. Was bleibt, ist: Wenn es den Eltern schwer fällt, ihr Kind loszulassen, fällt es dem Kind schwer, die Eltern gehen zu lassen. 

Außerdem, welches Kind möchte schon, dass die Eltern weggehen? Und...das Kind bekommt eine Macht über die Eltern, die ihm nicht gehört. Ich habe noch kein Kind erlebt, das sagt, die Mama solle gehen. Eher möchten sie, dass die Mama mit reinkommt zum Spielen. Es scheint, als wolle Maria derzeit bei ihrer Mama die Grenzen so lange austesten, bis sie sie spüren kann. Dabei ist die Mutter schon ziemlich am Ende und weiß sich keinen Rat mehr. Bei der Abholung ist die Situation nun ähnlich geworden, nur möchte Maria sich nicht von der Mama anziehen lassen und lieber zum Spielen bleiben. Es vergehen 15 Minuten und mehr, während die Mama mit dem Kind diskutiert und es bittet, sich anziehen zu lassen. Es ist ein Gezeter und ein Zaudern. Unruhe und Streß breiten sich immer mehr aus. Leztendlich ruft die Mutter hilfesuchend nach mir. Das Kind will nun von mir angezogen werden. Ich blinzle der Mama zu und sage, daß sie gerne ein wenig spazieren gehen kann, bis Maria mitgehen mag und schiebe diese sanft aus der Tür. Maria hört auf zu weinen und lässt sich sofort von mir anziehen. Wir gehen nach Draußen, wo die Mama schon wartet und Maria mit ihr mitgeht, als wäre nichts gewesen. Die Mutter staunte nicht schlecht darüber.

Fazit: Wenn die Erwachsenen bestimmen, kann das Kind sich in dem gesetzten Rahmen bewegen. Ein Kind braucht eine erzieherische Eindeutigkeit. Dies schafft Verständnis und Sicherheit. Für den eigenen Standpunkt zwei verschiedene Botschaften zu übermitteln verwirrt das Kind. Wenn es von der Mama z.B. gesagt bekommt, dass sie geht, ist es wichtig, daß sich der Erwachsene daran hält, sonst räumt er dem Kind zu viel Macht ein und das Kind möchte immer mehr. Es ist nicht möglich, Kindern alle Wünsche zu erfüllen und es glücklich zu machen. Kinder brauchen klare Grenzen, damit sie darin Wurzeln können. Ohne Wurzeln (Sicherheit) keine Flügel (Freiheit)! Es kommt so lange zum Machtkampf, bis für das Kind die Grenzen klar sind. Erst dann kann es sich entspannen und sich innerhalb der Grenzen orientieren und vor allem das Leben entdecken und spielen, spielen, spielen!

Kleine Kinder brauchen Wurzeln, große Kinder brauchen Flügel

 

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